Beschreibung
Ein alter Mann liegt ermordet in einem alten Auto, drei Bengel singen: "Oh Tannenbaum, oh Tannebaum, der Opa liegt im Kofferraum." Der Alte hatte offenbar im Müll einen "Sechser im Lotto" gefunden, was ihm schließlich zum Verhängnis wurde. Bukow ("Police Department Rrrostock!") und König ermitteln im Milieu der Müllsammler, am Rande der Gesellschaft, nicht ganz unten, sondern dort, an der Klippe, wo man jederzeit abzurutschen droht nach ganz unten und ziemlich strampeln muss, um sich über Wasser zu halten. Und wo das ganz große Glück scheinbar in ganz weiter Ferne, unerreichbar, aber Jammern darüber auch verboten ist. Hubert Spiegel in der F.A.Z.: "Fernsehkrimi und Sozialkritik, diese Kombination bringt seit Jahrzehnten viel Leid in deutsche Wohnzimmer. Und auch die vierte Folge des neuen Rostocker „Polizeirufs” hätte alle Zutaten, um es sich im Sonntagabendschmalz-töpfchen der guten Gesinnung bequem zu machen: Da ist der Kommissar mit Milieuvergangenheit, die kühle Kollegin mit der Schwachstelle Adoption, der aasige Geschäftemacher, die um ihre Tochter kämpfende Mutter und das pittoreske Völkchen der Obdachlosen.
Aber Drehbuchautor Wolfgang Stauch und Regisseur Christian von Castelberg verstehen es, der eigentlich rührseligen Geschichte von der gestrandeten ehemaligen Karrierefrau, die aus Mutterliebe zur Erpresserin wird, unerwartete Facetten abzugewinnen. Statt auf Ironie, die das Pathos einfach nur bricht, setzt dieser „Polizeiruf” auf skurrilen schwarzen Humor, der das Komische im Tragischen und das Tragische im Komischen zum Vorschein bringt. Der Schrotthändler Gehring etwa wird von Jan Georg Schütte so durchgeknallt und zugleich berührend gespielt, als hätten die Coen-Brüder einen Abstecher nach Rostock gemacht und verkündet, dass Tragödie und screwball-comedy nahe Verwandte sind."
Rezensionen
Für den Traum vom Leben
Ein Toter wird in einem Autowrack gefunden. Vor dem ausgeweideten Fahrzeug stehen neugierige Kinder. Als sie die Leiche zu Gesicht bekommen, schreien sie nicht, und sie stehen nicht starr vor Schreck. Die Kinderlein singen: „Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, der Opa liegt im Kofferraum”. Lässt sich daraus eine Erkenntnis über den Ort des Verbrechens gewinnen?
Köln kann es nicht sein, dort würden sich sofort die Talentsucher der Privatsender und der Karnevalsvereine um die jungen Sänger streiten, in München hätte man sie schleunigst einer Familientherapie unterzogen, und in Stuttgart wären sie dank säuberlich markierter Absperrungen ohnehin nie so nah an das Autowrack herangekommen. Wir sind in Rostock, der Heimatstadt Walter Kempowskis. Hier ist man hartgesotten und trägt seinen weichen Kern nicht allzu dicht unter der harten Schale. Man hat Humor, allerdings einen, der nicht überall geteilt wird, und verfügt über Durchhaltevermögen: Das Wissen, dass sich die Welt nicht schöntrinken lässt, ist lange kein Grund, einfach mit dem Saufen aufzuhören.
Aber es gibt andere Gründe. Franka zum Beispiel wäre ein guter Grund. Sie ist die kleine Tochter der ehemaligen Architektin Nathalie Schieke, die den Mann, den Job, das Haus verlor und innerhalb kürzester Zeit die Traumvilla gegen eine Bruchbude im Plattenbau eintauschen musste. Wenn sie ihre Tochter nicht an die Pflegeeltern verlieren will, muss Nathalie wieder einen Job und einen Wohnsitz vorweisen. Für den Traum vom Neuanfang schreckt sie ebensowenig vor Erpressung zurück wie der Tote im Kofferraum es getan hatte. Auch er war ein Obdachloser, ein Müllsammler, der die Hoffnung nicht aufgab, einen Schatz aus dem Dreck zu klauben. Dass es der Dreck selbst ist, mit dem sich ein Vermögen machen lässt, konnte der Alte nicht ahnen. Das Notizbuch, das er im Abfall fand, verzeichnet Sondermüll-Geschäfte im großen Stil. Für den Alten, seinen Sohn, Nathalie und das schräge Ehepaar Schütte wurde das schwarze Heft zur einzigen Hoffnung. Aber Drecksgeschäfte machen keine Träume wahr.
Fernsehkrimi und Sozialkritik, diese Kombination bringt seit Jahrzehnten viel Leid in deutsche Wohnzimmer. Und auch die vierte Folge des neuen Rostocker „Polizeirufs” hätte alle Zutaten, um es sich im Sonntagabendschmalztöpfchen der guten Gesinnung bequem zu machen: Da ist der Kommissar mit Milieuvergangenheit, die kühle Kollegin mit der Schwachstelle Adoption, der aasige Geschäftemacher, die um ihre Tochter kämpfende Mutter und das pittoreske Völkchen der Obdachlosen.
Aber Drehbuchautor Wolfgang Stauch und Regisseur Christian von Castelberg verstehen es, der eigentlich rührseligen Geschichte von der gestrandeten ehemaligen Karrierefrau, die aus Mutterliebe zur Erpresserin wird, unerwartete Facetten abzugewinnen. Statt auf Ironie, die das Pathos einfach nur bricht, setzt dieser „Polizeiruf” auf skurrilen schwarzen Humor, der das Komische im Tragischen und das Tragische im Komischen zum Vorschein bringt. Der Schrotthändler Gehring etwa wird von Jan Georg Schütte so durchgeknallt und zugleich berührend gespielt, als hätten die Coen-Brüder einen Abstecher nach Rostock gemacht und verkündet, dass Tragödie und screwball-comedy nahe Verwandte sind.
Überhaupt sind die Schauspieler nicht genug zu loben. Neben Schütte bieten Christine Schorn und Jan Peter Heyne als die vom Rentnerparadies Thailand träumenden Schüttes und Ursina Lardi als Nathalie intensive Kammerspielmomente. Das gilt auch für die Ermittler. Der ungemein präsente Charlie Hübner als Alexander Bukow und Anneke Kim Sarnau als die auf Bukow angesetzte interne Ermittlerin Katrin König halten ihre Binnendynamik geschickt in der Schwebe: Kollegen, Gegenspieler, Freunde? Alles ist möglich und den beiden noch erfreulich viel zuzutrauen.
– Hubert Spiegel, F.A.Z.
Eine Komödie ist in der Regel eine Geschichte, in der den Figuren dauernd lustige Missgeschicke passieren, während sie unverdrossen Pointen von sich geben. So gesehen ist dieser "Polizeiruf" aus Rostock alles andere als komisch. Die Geschichte spielt ganz unten, wo sich die Menschen an die Hoffnung klammern, weil es das letzte ist, was sie haben. Zentrale Figur neben dem Ermittler-Team ist eine Frau, die innerhalb weniger Jahre alles verloren hat: ihren Beruf, ihr Haus und nun auch noch ihre Tochter. Und im Hintergrund geht es um die illegale Deponierung von Sondermüll auf einer dafür nicht vorgesehenen Müllkippe.
Trotzdem wartet das ausgezeichnete Drehbuch von Wolfgang Stauch auf verblüffende und regelmäßig unerwartete Weise mit einem Humor auf, der den Krimi mindestens zur Tragikomödie macht.
Der Witz entsteht dabei gerade deshalb, weil die hervorragenden Schauspieler (unter anderem Christine Schorn und Jan Peter Heyne) die verkrachten Existenzen mit viel Würde und vor allem großen Ernst verkörpern. Es wird kein Zufall sein, dass die Darsteller ausnahmslos viel Theatererfahrung haben. Eine unbedingt preiswürdige Miniatur liefert Jan Georg Schütte als Schrotthändler mit geradezu unerschütterlichem Selbstvertrauen, der sein Reich wie ein kleiner Kaiser regiert.
Stauchs großartige Einfälle, seine trockenen Dialoge, dazu Schüttes passender Dialekt: Schon allein wegen dieser Szenen ist der "Polizeiruf" sehenswert. (...)
Dieser "Polizeiruf" unterscheidet sich ohnehin in vielerlei Hinsicht vom üblichen Sonntagskrimi. Eher unkonventionell war auch Castelbergs Einfall, eine Attentatsszene ausgerechnet an einem der belebtesten Plätze in Rostock rund um den Brunnen der Lebensfreude (im Volksmund "Pornobrunnen") zu improvisieren und die Darsteller unters ahnungslose Volk zu schicken. Angemessen dynamisch, aber nie hektisch ist auch die Bildgestaltung durch Martin Farkas. Aber am besten sind trotzdem die Momente mit Schütte als herrlich schrägem Schrotthändler, in dessen Sammelsurium sich neben einem Walkman von Michel Jackson auch jener Revolver findet, mit dem sich Adolf Hitler erschossen hat.
– Tilmann P. Gangloff, evangelisch.de
Wer ist hier der Penner? Der NDR-"Polizeiruf" nimmt das moderne Müllprekariat ins Visier - und zeigt Menschen, die um ihre Restwürde ringen. Christian Buß attestiert dem Krimidrama einen feinen Slang und famosen Humor: Bulle Bukow sieht abgewrackter aus als jeder Obdachlose.
Er ist ist der Checker der Schrottplätze, der König der Müllhalden. Er hält Hof vor einer Wand von verbeulten Blechstücken, die er wie Trophäen präsentiert, darunter angeblich der Walkman von Michael Jackson. Keine Ahnung, wie der nach Rostock gekommen ist. 12 Euro hat er dafür gegeben. Ein Preis, den der Müll-Impresario Gehring sonst natürlich nicht zahlt.
Mal macht er 1,37 Euro locker für eine Rucksackladung Alteisen, mal 2,56. Wer von seinen Müllsammlern traurig guckt, dem sagt er: "Stahlpreise sind Weltmarktpreise, dafür kann ich nix." Und wer dann immer noch traurig guckt, dem schiebt er mit dem Kleingeld noch 'ne Flasche Bier über den Tisch.
Nein, dieser Gehring ist kein übler Kerl. Und der wunderbare Schauspieler Jan Georg Schütte spielt ihn als norddeutsche Version des Slangdaddys, als Schnackpapi, so wie man ihn sonst nur in den Filmen des Hamburger Trashfilmers Henna Peschel sieht: eine arme Wurst mit reichem Sprachschatz, ein tragikomischer Aufschneider mit unermüdlichem Mundwerk.
Die Macher des aktuellen "Polizeirufes 110" verstehen es, die Balance zwischen Milieustudie und Sozialdrama zu halten. Sie tauchen ein, aber sie führen nicht vor. Sie lassen Platz für Tragikomik, aber sie geben niemandem dem Gelächter preis. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass Ermittler Bukow, der Asi mit Attitüde, diesmal besonders abgerissen daherkommt. Teilweise sehen die Müllsammler aus, als seien sie seine Vorgesetzten.
Drehbuchautor Wolfgang Stauch lieferte zuvor einige starke Folgen des ZDF-Krimis "Unter Verdacht", Regisseur Christian von Castelberg einige der besten "Bella Blocks", ebenfalls eine Prestige-Produktion des Zweiten. In ihrer ersten gemeinsamen Arbeit für die ARD finden sie nun Zugang zu einem Thema, das im Fernsehkrimi leicht in die Betroffenheitsfalle führt: Sie machen die Abservierten zu Aufbegehrenden. (...)
Das Mitmischen bleibt fürs Müllprekariat am Ende dann aber doch mehr Traum als Wirklichkeit. Schnackpapi und Schrottchecker Gehring jedenfalls wagt mit einer aus dem Abfall gefischten Darth-Vader-Maske einen kleinen kriminellen Coup. Keine gute Idee: Eine dunkle Macht, da kann er sich aufspielen wie er will, wird aus diesem armen Müllschlucker nie werden.
– Christian Buß, Spiegel online
Die Eingangssequenz, die den Verfall eines herrenlosen Autos zeigt, ist eine wahre Freude und der Zuschauer spätestens gewonnen, wenn beim Leichenfund auf einem Schrottplatz zwei vorlaute Gören singen: "O Tannebaum, o Tannebaum, der Opa liegt im Kofferraum".
Drehbuchautor Wolfgang Stauch hat seine Figuren mit einigen famosen Sprüchen bedacht - und mit ernsthaften Belangen unterfüttert:
So unangestrengt und alltagsnah wie hier wurde das Thema Sterbehilfe lange nicht angesprochen.
Schön zudem, wie Wert auf die Details gelegt wird. Siehe die Löcher an den abnutzungsanfälligen Stellen im Hemd der obdachlosen Nathalie (Ursina Lardi). Mittelfristig darf man gespannt sein, wie der NDR aus der Nummer mit den eigentlich gegnerischen Partnern wieder herauskommt. Wann geht's weiter?
– Harald Keller, taz
Es ist erst der vierte Fall, in dem wir Anneke Kim Sarnau als Profilern Katrin König und Charly Hübner als Hauptkommissar Alexander Bukow beim Ermitteln in Rostock zusehen dürfen. Doch für den Autor dieser Zeilen steht bereits fest: Es gibt nicht viel Besseres, Frischeres, was Tatort und Polizeiruf 110 derzeit zu bieten haben. Knifflige Geschichten, starke Charaktere, viel Lokalkolorit und zwei in ihrer Ungleichheit großartige Akteure. Diesmal finden sie einen toten Rentner im Kofferraum eines Schrottautos und landen bei ihren Ermittlungen im brackigen Milieu illegaler Müllentsorgung . Wir folgen ihnen und begegnen Menschen, die sozialer Schiffbruch stranden ließ. Dass der Film dabei die tragikomische Balance hält, ist eine seiner Stärken.
– Sigurd Schwager, Thüringer Allgemeine.de
Das exzellente, mit manchem derben oder bitteren Scherz garnierte Drehbuch von Wolfgang Stauch ist weit mehr als ein Krimi mit zwei verschränkten Handlungssträngen und einem mehrere Folgen überlagernden Plot um Korruption im Polizeidienst. „...und raus bist du!“ ist eine schnörkellose Tragikomödie über illegal deponierten Sondermüll auf der einen Seite und eine obdachlose Mutter ohne Kind auf der anderen. Regisseur Christian von Castelberg hat schon viele hochkarätige Fernsehspiele inszeniert. Auch bei diesem NDR-„Polizeiruf“ beweist er sein unprätentiöses Einfühlungsvermögen. (...) „...und raus bist du!“ ist allerfeinste, intelligent servierte Krimi-Kost alter Schule.
– Ulrike Frick, Kreiszeitung Syke, Oberbayerisches Volksblatt u.a.
Man trinkt „Rebenglück“, man sammelt Altmetall, man ist also abgestürzt. Der „Polizeiruf 110“ ist klug genug, nicht im Sozialdrama zu versinken. Schauspieler und Sprüche sind wirklich guter Jahrgang.
Wer Armen nicht beim Armsein zuschauen mag, der hat sowieso abgeschaltet bei diesem „Polizeiruf 110: Und raus bist du!“. Wer will es schon sehen, wenn abgewrackte Menschen beim Schrotthändler kaputte Fahrradteile, Kassettenrekorder und Radkappen abliefern und ein paar Cent dafür bekommen? Wird wohl ein Rostocker Phänomen sein. Ist es aber nicht. Auch in der teuren Münchner Innenstadt sind seit einiger Zeit nicht nur Obdachlose zu sehen, die in Abfalleimern nach noch Verwertbarem wühlen. Muss man das auch noch im Sonntagskrimi sehen? Muss man nicht. Wer es trotzdem tat, sah einen passablen Krimi und vor allem großartige Schauspieler bei schrägen Dialogen.
„Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, der Opa liegt im Kofferraum“, singen zwei Jungs im Plattenbau-Kiez von Rostock, als ein Rentner tot im Abwrackauto liegt. Der alte Mann hatte nicht viel, aber doch alles, um den mächtigen Schrotthändler und seine Geschäfte mit belastetem Abfall auffliegen zu lassen. Es ist nur ein Notizbuch, das in der Erpresserbranche 50 000 Euro wert ist – reicht gerade für die neue Heimat auf Phuket oder ein neues Leben für die allein erziehende Architektin Nathalie Schieke, die innerhalb von drei Jahren von der 70-Stunden-Woche ins Nichts abgestürzt ist. Haus weg, Kind weg. Die Tochter, die bei einer Pflegefamilie aufwächst, sagt zu ihr: „Du riechst nicht gut. Wann hast du zum letzten Mal geduscht?“. Sie hat keine Antwort. Hebt eine Kippe vom Boden auf, raucht den Stummel bis zum Filter runter.
Ist dieser Fall übertrieben? Ganz sicher pointiert. Aber in vielen Szenen in starke Bilder verpackt, die Probleme der Unterschicht erzählen. Probleme, an denen die Mittelschicht oft so eben noch vorbeischrammt.
Der „Polizeiruf 110“ setzt dem Sozialdrama wunderbar-lakonische Dialoge der Kommissare König (Anneke Kim Sarnau) und Bukow (Charly Hübner) entgegen. Sagt er: „Wenn Sie mal jemanden zum Reden brauchen, ich stehe nicht zur Verfügung.“ Sie lässt ihn umgekehrt zappeln, weil sie intern gegen ihn ermitteln soll. Sagt er: „Hartz IV, da bin ich auch bald.“
Die „Derrick“-Welt in Grünwald, sie gibt es im TV-Krimi nicht mehr. Wir sehen kein vornehm in dicke Perser eingesickertes Blut, sondern Menschen, die „Rebenglück“ aus dem Tetrapack trinken. „Wenn man das runter hat, tut es das genau so wie ein Luxusgesöff für Zweifuffzig.“ Möglicherweise ist Deutschland an einigen Orten eben doch abgewrackter, als wir es wahrhaben wollen.
– Carin Pawlak, Focus online
Spätestens, als einige unvermittelt aufgetauchte Kinder beim Anblick des Aufhängers des neuen «Polizeiruf 110», der Leiche im Auto, «Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, der Opa liegt im Kofferraum» singen, wird klar, dass das kein Anfang für einen gewöhnlichen Krimi sein kann: Was Drehbuchautor Wolfgang Stauch («Die Seele eines Mörders») und Regisseur Christian von Castelberg («Der Tote im Spreewald») hier als vierten Fall des neuen Rostocker «Polizeirufs» inszenieren, ist in der Tat mehr als schräg. (...)
Besonders ist jedoch die Tatsache, dass hier nicht nur das blanke Sozialdrama zelebriert wird, sondern der schnelle und unbarmherzige Abstieg von Besserverdienenden in einer Leistungsgesellschaft, die Scham vor dem Sozialamt, die Angst vor der Adoption des eigenen Kindes, der Wille zum Wiedereinstieg in die Arbeitswelt thematisiert werden – butterweich einer Bekannten des Toten angedichtet, die plötzlich zur Protagonistin wird. Ebenso mühelos gelingt es dem Film dann auch, Krimi- und Dramahandlung zu verknüpfen, ohne einen halbgaren Genremix anzuliefern. Was so pädagogisch wertvoll klingt, ist allerdings alles andere als trocken, vor allem, weil die Handlung immer Zeit für Dialoge und Szenen findet, die schon jetzt in die Best-Of-Sammlung der Reihe aufgenommen werden könnten.
Dafür sorgen vor allem die Hauptdarsteller: Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner brillieren wie eh und je als Ermittler und moderne Antihelden König und Bukow, vor allem, weil sie einander in bester Hassliebe begegnen. In einer unfassbar grandiosen Paraderolle ist Jan Georg Schütte als Schrotthändler Lukas Gehring zu sehen, der sich zwischen skrupellosem Geschäftsmann mit «der Waffe von diesem Hitler» in der Schublade und arglosem Kleingeist bewegt, der sich mittags «in der Pfanne vom Biolek» sein Spiegelei brät. Ebenfalls eine gelungene Darstellung liefern Christine Schorn und Jan Peter Heyne als müllsammelndes und trinkfestes Ehepaar Schütte ab, die nicht nur für köstliche Weisheiten – «Hat man‘s erstmal im Magen, hat‘s die gleiche Wirkung wie dieses Luxuszeug für 2,50€.» –, sondern auch einige der besten Szenen im ganzen Film verantwortlich sind. Wer den gewollten Gossencharme allerdings anstößig findet, wird mit diesem Krimi nicht glücklich.Gleiches gilt für Tagträumer, denn wie bei bisher allen Folgen der neuen «Polizeiruf 110»-Truppe gibt es einen großen Wermutstropfen, in diesem Fall sogar mit Vorwarnung dank passenden Titels: «...und raus bist du!» ist nicht nur eine herrlich zynische Beschreibung für die zahlreichen Filmprotagonisten auf dem gesellschaftlichen Abstellgleis, sondern wird am Sonntagabend in bester Rostock-Tradition auch wieder zum Schlagwort beim Familienbingo. Andeutungen, seltsam kryptische Dialoge und einfachste Beziehungsverhältnisse, die unnötig komplex eingeführt werden, erschweren den Filmgenuss gerade bei Freunden der leichten Sonntagabendunterhaltung bis zur Grenze der Frustration. Auch die Referenzen zu den vorherigen Episoden, in denen Bukows Vergangenheit für Probleme sorgte, dürfte Ersteinsteigern Probleme bereiten. Für Krimifreunde machen das gelungene Ensemble und ein tolles Drehbuch diesen Umstand allerdings mehr als wett, denn auch der vierte Fall der Rostocker ist eine wahre Freude.
– Die Kritiker, Quotenmeter.de
Erpressung und Mord kommen im jüngsten Fall des Rostocker „Polizeiruf“-Teams mit Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner als Ermittler zusammen. Die beiden werden mit jedem Fall besser, was auch daran liegt, dass König ihren Kollegen wegen eines Dienstvergehens in der Hand hat und dies eine Grundspannung erzeugt.
Toll ist auch das übrige schräge Personal - allen voran Ursina Lardi als Gestrauchelte mit Hackenporsche und Jan Georg Schütte, der als Schrotthändler durch Überhöhung alle Register zieht.
– Petra Noppeney, Münsterländische Volkszeitung
Es ist die merkwürdige Anziehung zwischen zwei Menschen mit völlig verschiedenem Hintergrund, die auch diesmal fasziniert. Wolfgang Stauch (Buch) und Christian von Castelberg (Regie) erzählen die Beziehung in dieser Episode konsequent weiter, fügen neue Facetten hinzu.
Diesmal ist es gar nicht so sehr der Fall, der das Interesse erweckt, sondern die Menschen, die diesen Krimi bevölkern. Verlierer sind sie alle, Aussortierte und Vergessene, der so genannte Bodensatz der Gesellschaft. Sie wühlen im Dreck, um sich beim Schrott-Zampano Gehring (genial: Jan Georg Schütte) ein paar Cent hinzu zu verdienen.
Überhaupt dieser Gehring: Selten hat man in einem Tatort oder Polizeiruf eine skurrilere Type gesehen.
Wie eine Gestalt aus einem Tarantino-Film thront er auf einem zerschlissenen Drehstuhl und hält dauerquatschend Hof. Seinen Blechmüll in den Regalen präsentiert er wie Trophäen: den Walkman von Michael Jackson, die verbeulte Trompete von Louis Armstrong. Wahrscheinlich glaubt er selbst daran, dass der Schrott einst den Showgrößen gehörte. Den Revolver, mit dem sich angeblich Hitler erschoss, legt er großspurig auf den Tisch, als ihm Bukow bei seinen Undercover-Ermittlungen dumm kommt. «Zu viel Tarantino gesehen?», sagt der Bulle und schnappt sich das Schießeisen. «Bukow, Police Department Rostock», stellt er sich dem Verdutzten vor. Es ist einer der skurrilsten Dialoge in einem Film, der Witz mit Sozialkritik mischt, als habe man das in deutschen Krimis nie anders gemacht.
Mit wunderbarer Ironie und trotzdem viel Feingefühl haucht der Film diesen Charakteren Leben ein. Das skurrile Müllprekariat reizt zum Schmunzeln, doch Regisseur Christian von Castelberg gibt niemand dem Hohn und Spott der Zuschauer preis. Der Krimi nimmt seine Figuren und ihre Träume ernst, streut auch immer wieder anrührende Momente ein. Da verzeiht man es auch gerne, dass der Erpressungs-Plot um das illegale Verbuddeln von Sondermüll eher stiefmütterlich behandelt wird.
– Tobias Köberlein, news.de
In zweiter Ebene geht es um die Fallhöhe. Privat und wirtschaftlich. Hartz IV als Gespenst derjenigen, die Arbeit haben, bringt die Spirale in Bewegung. Christian von Castelberg (Regie) und Wolfgang Stauch (Buch) vermeiden die Elendsoberfläche. Und sie haben Jan Georg Schütte, dessen Spiel als Schrotthändler allein die 90 Minuten lohnt. Leicht unbehaglich darf man sich am Ende durchaus fühlen. Müll ist eine Währung, und sie wird teuer bezahlt.
– Nikolai B. Forstbauer , Stuttgarter Nachrichten
Es ist eine Parallelwelt voller Drop-outs und skurriler Gestalten, in die das Rostocker Polizeiruf-Team in "... und raus bist du" eindringt. Der Film von Drehbuchautor Wolfgang Stauch ("Unter Verdacht") und Regisseur Christian von Castelberg ("Bella Block") bewegt sich jedoch gekonnt auf dem schmalen Grat, die Schicksale zu zeigen, aber nicht vorzuführen, die Figuren ernst zu nehmen, aber mit einem Augenzwinkern zu betrachten.
Dass das gelingt, ist auch den Darstellern zu verdanken, wie dem Thalia Theater-Schauspieler Jan Georg Schütte ("Vision"), der als Klein-Krimineller eine große Leistung abliefert. Gleichzeitig macht es Spaß, dem Ermittler-Team zuzusehen, denn Bukow und König ergänzen sich besser, als sie es wahrhaben wollen. Es ist herrlich, sie zu beobachten, wenn sie sich beispielsweise bei einem älteren Ehepaar, das zu den Tatverdächtigen gehört, selbst zum Grillen einladen und dabei der Aufklärung des Falles einen großen Schritt näher kommen.
– sw, Kino.de
Trotz Armenhaus Ost mit den abstrusen Überlebensstrategien, die die Menschen sich zurechtzimmern, ist von Castelbergs Film kein Trauerkloß-Krimi. Das Ganze ist nicht nur realistisch spannend, sondern bisweilen auch schön schräg und absurd, heutig sozialkritisch – und vor allem die Charaktere sind immer für eine Überraschung gut.
Der vierte „Polizeiruf“ aus Rostock rührt im Bodensatz der Gesellschaft – dort, wo man von Hartz IV nur träumen kann, bei Müll- und Schrottsammlern, bei Obdachlosen, die in leer stehenden Plattenbauten hausen und sich für etwas Metall und unnütze Utensilien ein paar Cents beim Schrotthändler abholen. „Der Krimi erzählt sich ja meistens von selbst – da kann man die Energie auf die Figuren legen“, sagt Regisseur Christian von Castelberg. Und die sind in der Tat hoch spannend – sowohl in ihren schrägen Biographien als auch den nicht minder schrägen Darstellungen ihrer Schauspieler.
Bemerkenswert an „…und raus bist du!“ ist die Tonlage. Trotz Armenhaus Ost mit den abstrusen Überlebensstrategien, die die Menschen sich zurechtzimmern, ist von Castelbergs Film kein Trauerkloß-Krimi. Die Konstruktion des Verbrechens, die man in einem mittelmäßigen Whodunit vielleicht mit „überkonstruiert“ abtun würde, diese unglückliche Kettenreaktion, die dem abstrusen Krimiplot zugrunde liegt, sie passt zu den Geschichten. Und dazu wiederum passen die sprunghaften Figuren, bei denen man nie so genau weiß, woran man bei ihnen ist. Der Film ist sozialkritisch, aber weil er zugleich physisch spannend ist, weil er schnell ist, dennoch psychologisch genau, weil er realistisch wirkt und doch seltsam überhöht und stets für eine Überraschung gut ist, ist er nicht sozialkritisch nach Altvätersitte.
– Rainer Tittelbach, tittelbach.tv
Verglichen mit dem, was einem die Rostocker 'Polizeiruf'-Macher bisher so angeboten haben, gestaltet sich der neue Fall (Buch: Wolfgang Stauch) fast schon wieder überschaubar komplex. (...) Indes zeigt sich einmal mehr: Es gibt Interessanteres als Morde, Motive, Alibis und Spurensicherung. Hier geht's um das ungebrochen aufregende Spannungsverhältnis zwischen zwei Bullen mit konträrer Lebensauffassung. Und es geht um ein wild-chaotisches Geflecht von abgebrannten Verlierergestalten, für die Regisseur Christian von Castelberg teils großartige Schauspieler (überragend: Jan Georg Schütte als schräger Schrotthändler) gefunden hat.
Natürlich ließe sich bemängeln: In diesem Gossenkrimi wird nicht gerade mit den filigranen Pinselstrichen gemalt. Willkommen in einer Stadt, wo die Geldübergabe am 'Pornobrunnen' verabredet wird. Und willkommen in einer Welt, wo der Wein aus dem Tetrapak kommt und in den Garten gepinkelt wird, weil das Klo verstopft ist. Dieser Müllsammler, der sich wie ein Schatzsucher vorkommt, ist da eigentlich ein schönes Sinnbild. In Rostock haben sie verstanden, wie man aus Elendsszenarien Krimis gewinnt, die Gold wert sind. (...) Fulminanter Gossenkrimi mit dem einzigartigen Bouquet von Dosenbier.
– Jens Szameit, teleschau - der mediendienst u.a.
Der vierte Rostocker "Polizeiruf 110" schließt nahtlos an die Qualität der drei Vorgänger an. Getragen vom guten Spiel der beiden so gegensätzlichen wie unkonventionellen Ermittler, die von Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner einmal mehr gekonnt mit Leben gefüllt werden, trumpft auch dieser Fall mit atmosphärisch dichter Milieu- und schlüssiger Figurenzeichnung auf. Allerdings kommt in dieser Episode, die Krimi-Spezialist Christian von Castelberg nach einem Drehbuch von Wolfgang Stauch ("Unter Verdacht") inszenierte, auch die Spannung nicht zu kurz. Inzwischen ist der Rostocker Polizeiruf längst ein Quotengarant, denn mit regelmäßig weit über sieben Millionen Zuschauern fesselt er eben so viele Zuschauer vor dem Fernseher wie etwa gute "Tatort"-Folgen.
– Kölner Express.de
Die Grundstimmung bleibt angenehm lakonisch. "Was machen wir eigentlich mit der Leiche, wenn wir den Erpresser erledigt haben?", fragt der Mülldeponiebetreiber seinen Assistenten. "Ganz einfach", antwortet der, "die esse ich auf." Hinterher verspeist er zum Frühstück ein blutiges Steak.
– Harald Peters, Welt online
Vorab eins: Jan Georg Schütte als Schrotthändler Lukas Gehring ist eine Schau. Kann man diesem Mann nicht eine Comedy-Show geben oder eine Serie nach dem „Stromberg“-Konzept?
– Bettina Fraschke Hessische/Niedersächsische Allgemeine Zeitung
Der vierte Film des viel gelobten Rostocker Teams besticht durch Lokalkolorit und schöne Bilder, einen wendungsreichen Fall sowie eine Reihe kurioser, grell gezeichneter Charaktere. Etwas abgedreht, aber mit starken Figuren.
– TV Spielfilm
Schlau & spannend.
– TV Movie
Überzeugend: Toll gezeichnete Typen und ein konträres Ermittlerduo bringen Witz und Spannung in die Story.
– Hörzu